Das Handwerk der Politik

Politgespräch mit Regula N. Keller und Priska Müller Wahl

Text/Foto: Fridolin Jakober, «Fridolin»

Mit Blick auf den Klimawandel kann es vielen gar nicht schnell genug gehen. Doch effektives Vorgehen braucht vorausschauende Planung – wie etwa den kantonalen Richtplan. Politisch kämpfen die Grünen des Kantons Glarus seit drei Jahrzehnten, um unseren Lebensraum langfristig zu schützen. Der FRIDOLIN sprach mit den kantonalen Co-Parteipräsidentinnen Regula N. Keller und Priska Müller Wahl über Forderungen, über schweisstreibende Politarbeit und über das Feuer, das sie antreibt.

Gerade haben die Grünen in Glarus Nord den attraktivsten Baum 2020 prämiert. Doch was steckt für eine Idee dahinter? «Viele Dorfbild prägende Bäume sind mit der Siedlungsentwicklung fast unbemerkt verschwunden. Auch in der aktuellen Nutzungsplanung (NUP) gingen sie zuerst schlicht vergessen, obwohl ein 200-jähriger Baum im Dorf viel bewirkt und einiges zu erzählen hat», so Priska Müller Wahl. «Der Wettbewerb gibt einen neuen Blick, motiviert, das Dorf anders kennenzulernen. Und der Baum ist auch eine Möglichkeit, um wichtige Zusammenhänge für die Lebensquälität aufzuzeigen. Wir werden 2021 auch mit politischen Aktivitäten kommen – denn warum gibt es kaum mehr grosse und alte Bäume im Dorf? Neben der Siedlungsentwicklung auch wegen der Tiefgaragen, auf denen eben keine grösseren Bäume mehr wachsen können» erklärt Müller Wahl. So hängt der Baum im Dorf mit der Nutzungsplanung zusammen – die Anträge der Grünen zum Baureglement werden konkret. Regula N. Keller ergänzt: «Das lustvolle Element wie beim Baumwettbewerb soll seinen Platz haben, den Blick für das Schöne schärfen, aber zugleich den Einstieg schaffen in schwierige Themen wie Siedlungsgestaltung und verdichtetes Bauen.»

Die beiden Co-Präsidentinnen ergänzen sich gegenseitig, Müller Wahl brennt für die Sache, ist voller Feuer und Leidenschaft, hat Biss. Keller ist abgeklärter und gibt dem Duo Bodenhaftung. Beide Landrätinnen gehen gewissenhaft, engagiert und lustvoll an die politische Arbeit.

Gemeinsam handeln

Politische Arbeit hat viele Seiten, auch versteckte. Sie sind aber nicht weniger wichtig, wenn man gute Lösungen anstreben will. Eine ist die Teilnahme an Vernehm-lassungen zur Vorbereitung von neuen Gesetzen. «Wir Grüne bringen uns da immer mit ein, obwohl das «schweisstreibend» sein kann und von der breiten Wählerschaft nicht wahrgenommen wird. Manchen Jungen fällt es schwer einzusehen, dass es Zeit und langen Atem braucht. Zudem muss man auch mit guten Anträgen verlieren können, um später zu siegen», sagt Regula N. Keller. «Bewegtsein ist gut, reicht aber nicht, um ans Ziel zu kommen». Priska Müller Wahl meint: «Global denken, lokal und vernetzt handeln ist entscheidend – gerade beim Klima sieht man es, dass das Lokale auch wichtig ist.» Regula N. Keller ergänzt: «Es geschieht nicht nur an den Polkappen, sondern auch bei uns. Man muss also – auch vor Ort immer wieder die Zusammenhänge aufzeigen, beim Klima, aber auch in der Politik». «Viele denken, Politik, die werde v.A. von den fünf Regierungsräten gemacht», sagt Müller Wahl. «sie sind sich zu wenig bewusst, dass sich jede und jeder Stimmberechtigte selbst an der Landsgemeinde oder an einer Gemeindeversammlung aktiv einbringen könnte». Für Keller ist Politik ein «vielseitiges Handwerk, das von den Parteien gefördert wird. Grünes Handwerk bedeutet, bei den Kernthemen wie Klima- und Umweltschutz, Erneuere Energien und Mobilität mit den Forderungen voraus und weiter als andere Parteien zu gehen.» «Zudem ist den Grünen die Zusammenarbeit wichtig, auch über die Parteigrenzen hinweg, meint Müller Wahl, so sind wir auch dankbar, dass es die Klimabewegung im Glarnerland gibt. Sie fokussiert auf das wichtige Thema Klima und ist kreativ und erfolgreich. Wir Grüne engagieren uns darüber hinaus für alle politischen Themen, also auch Gesundheit und Finanzen, Bau und Umwelt, Bildung und Kultur, Soziales und Wirtschaft».

Chancen nutzen

Priska Müller Wahl weist immer wieder auf den engen Kanton Glarus mit seinem raren Talboden hin und auf die Bedeutung der vernetzten Planung. «Wenn wir den Kanton von oben anschauen, sehen wir sofort: Der Raum im Talboden wird knapp. Wir stehen da vor ähnlichen Fragestellungen wie in Agglomerationen und haben nicht einfach den dreifachen Platz, wenn wir Schiene, Autostrassen und Langsam-verkehrsachsen aneinander vorbeibringen wollen. » Wichtig sei, so Regula N. Keller, der Blick auf die Gesamtmobilität und Lösungen für die Zukunft. «Nicht eingleisig denken und unkoordiniert mehrspurig bauen. Und wir müssen unsere Mobilität allgemein überdenken.» –Gerade im Glarnerland, wo es zwischen den Dörfern flach ist, wird das Potenzial im Langsamverkehr noch bei Weitem nicht ausgenutzt. «Velofahren und Biken ist für die meisten heute noch bloss ein Freizeitvergnügen», so Müller Wahl. «Gäbe es mehr Leute, die innerkantonal mit dem Velo oder Elektrobike zum Einkaufen und zur Arbeit pendeln, so entlaste das die Verkehrsachsen enorm und würde auch den CO2-Ausstoss gratis reduzieren. Doch jetzt investieren wir weiterhin in Umfahrungsstrassen mit Bundesgeldern. Wenn wir dieses Geld nur schon teilweise selbst aufbringen müssten, würden wir vielleicht auch vorausschauender planen.» Bei der Diskussion geht es oft um gesellschaftliche Fragen und das grossräumigere, vernetzte Denken – insofern gelte es, die seit der Gemeindefusion eigentlich grossen Chancen bspw. in der Raum- und Verkehrsplanung zu nutzen, so Müller Wahl. «Die Politik muss Vorgaben machen, damit mit Vorschriften und finanzielle Anreizen die Chancen rechtzeitig genutzt werden. Umsetzen müssen die Fachleute in der Verwaltung. Und beide brauchen den Gesamtblick, sonst wird es teuer. Bei der Stichstrassenplanung in Näfels wurde beispielsweise der Langsamverkehr zuerst vergessen; jetzt muss die Gemeinde eine teure Unterführung beim Bahnhof bauen.»

Weitsichtig & nachhaltig entwickeln

Die beiden Politikerinnen gehören in der inzwischen über 30-jährigen Partei zur zweiten Generation. «Wir sind eine motivierte Partei mit Weitsicht und Engagement», sagt Regula N. Keller, letzteres zeige sich in Strassenaktionen über Medienarbeit bis zu wirksamen Vorstössen im Landrat. «Es geht für uns darum, die gesamtgesell-schaftlichen Themen zu behandeln und realitätsnah sowie wirkungsvoll fürs Glarnerland zu politisieren. Beispielsweise beim Tourismus, der Biodiversitäts-förderung und der Ökologisierung der Landwirtschaft. Da beobachten wir im Süden, dass Steillagen und Alpweideflächen zuwachsen, während im Norden die Böden im Tal überbaut, landwirtschaftlich intensiviert und teils zu stark belastet werden.» Regula N. Keller verweist auf die breite Aufstellung der Partei, die sich eben nicht nur auf «grüne» Themen beschränkt. «Wir setzen seit 30 Jahren auf Weitsichtigkeit und Nachhaltigkeit. Erst wurden wir nicht ernst genommen, jetzt hat uns die Realität eingeholt. Der Klimawandel wird spürbarer. Doch wenn dann im Landrat eine Skigebietsverbindung von Elm nach Flims-Laax diskutiert wird, so kommen wir mit unseren Einwänden dagegen nicht durch.» «Es freut uns zwar, wenn wir inzwischen eine Mehrheit von der Notwendigkeit erneuerbarer Energien gewinnen können, aber es dürfte aus grüner Sicht schneller gehen», ergänzt Müller Wahl, «denn wir brauchen im Glarnerland rasch gemeinsame und nachhaltige Lösungen. Um solche Aufgaben zu lösen, braucht es immer wieder die Solidarität.» «Der Solidaritätsgedanke war in den letzten Jahren nicht mehr so in Mode», ergänzt Regula N. Keller. «Aber vielleicht hat dieses Jahr ja etwas verändert.»

An den Wahlen 2019 waren die Grünen national sehr erfolgreich, wir Glarner haben seither einen jungen Grünen Ständerat. Doch der Kampf um Natur-, Klima- und Umweltschutz geht auch 2021 weiter.

Regula N. Keller und Priska Müller Wahl am Stubentisch beim Politgespräch. (Foto: Fridolin Jakober)

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