Wer den Regen fürchtet, bekommt keinen Regenbogen
Kolumne «Südostschweiz», 22. Mai 2026, von Kaj Weibel, Landrat
2022 wurde ich mit 19 Jahren in den Glarner Landrat gewählt – als jüngstes Mitglied eines 60-köpfigen Gremiums. Diese Wahl war für mich ein kleines Erdbeben und ein riesengrosses Geschenk zugleich. Ein kleines Erdbeben, weil dieses erste politische Amt mein Leben in den nächsten vier Jahren mitprägen sollte. Ein riesengrosses Geschenk, weil es mir eine Tür öffnete zu einer Welt, in der ich die politische Zukunft mitbestimmen durfte. Und es war ein Zeichen von einem Kanton, der als einziger das Stimmrechtsalter 16 kennt, dass junge Menschen hier nicht nur reden dürfen – sondern eben auch wirklich mitbestimmen.
2022 war die Welt noch eine etwas andere und ich war voller Zuversicht. Vieles schien möglich: Die Glarner Stimmbevölkerung hatte im Jahr zuvor das fortschrittlichste Energiegesetz der Schweiz beschlossen und das Schweizer Stimmvolk hat die Pflegeinitiative angenommen. Am 1. Mai 2022 sagte die Landsgemeinde überraschend Ja zu den Slow Sundays im Klöntal und per 1. Juli 2022 wurde die «Ehe für alle» endlich eingeführt.
Trotzdem trat ich das neue Amt mit viel Respekt an: Ich wusste, dass diese Chance nicht gratis war – sie kam auch mit einer guten Ladung an Verantwortung und realpolitischen Herausforderungen. Insgeheim fürchtete ich mich davor, nicht zu genügen. Und mich trieb die Frage um, ob ich wirklich etwas würde bewegen können – oder bloss zuschauen, wie Mehrheiten über meine innersten Überzeugungen hinweggehen?
2026 scheint die Welt eine andere geworden zu sein. Der Rückenwind hat sich in Gegenwind gewandelt. Und auch ich habe in diesen vier Jahren durchaus den ein oder anderen Kessel Wasser abgekriegt. Aber das gehört dazu.
Nach vier Jahren weiss ich zugleich: Den Schritt in den Regen zu wagen, war für mich die einzig richtige Entscheidung. Vier Jahre später fürchte ich mich nicht mehr vor dem Regen. Ich weiss: Nur wer wagt, gewinnt.
Vier Jahre später weiss ich, dass wir im Kanton Glarus eine wohl einzigartige politische Kultur haben. Wir sind es gewohnt, einander zuzuhören und aufeinander zuzugehen. Und gerade diese Art, gemeinsam um Lösungen zu ringen, hat Fortschritte ermöglicht, wie ein grundsätzlicher Halbstundentakt im öV-Gesetz, die Stärkung des Opferschutzes bei häuslicher Gewalt oder ein griffiges Klimagesetz, welches aktuell in Erarbeitung ist.
Unsere politische Kultur ist keine Selbstverständlichkeit – sie ist eine riesengrosse Chance, sie ist unser gemeinsames Kapital. Ich bin überzeugt: Genau deshalb kann Glarus mehr.
Die Zeiten sind heute rauer als 2022. Manches, das damals möglich schien, wirkt heute weiter weg. Aber: Nachem Rägä chunt t Sunnä. Und jetzt weiss ich mehr denn je: Glarus kann mehr. Glarus hat Pioniergeist. Und nur, wer den Regen nicht fürchtet, bekommt einen Regenbogen. Ich bin zuversichtlich, dass es noch viele Regenbögen zu sehen gibt, wenn Glarus sich getraut, mutige Entscheidungen zu treffen.